Verkehrte zehn Gebote

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Michael Fousert

Verkehrte zehn Gebote
mit Ulrike Greim
01.11.2021 - 06:20
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Sie war mit 53 reif für die Wahrheit, fand sie. Dass die Familie alles beschwieg und weglächelte, machte sie zunehmend krank. Die Ehe am Scheitern, der Job erodierte unter ihren Händen. Und da nun auch schon ihre Tochter und sogar die kleine Enkelin mit dunklen Schatten zu kämpfen hatten, die definitiv nicht von ihnen stammen konnten, wusste sie: Es ist Zeit, das Blatt aufzudecken.

Dass die Großeltern, die unnahbaren, aber am Ende doch großzügigen, in ihrem Leben nicht nur Gutes getan hatten – sie wollte es anfangs nicht wissen, bis sie Bilder sah. Der Großpapa in SS-Uniform, stramme Haltung, siegessicher. Dass er aufgestiegen war, sie hatte es gehört. Aber Großvati tat ja nur, was alle taten, hieß es. Da habe man sich nicht rausziehen können. Dann sah sie sein Bild in Dokumentationen im Fernsehen. Er im Hintergrund, beflissen, Akten zureichend. Und dann wurde deutlich: Sein Job im Ministerium war nicht unbedeutend. Im Gegenteil: Er war der Mann, der unterzeichnet hat: Massenmorde. Menschenversuche.

Wie sollte sie, die Enkelin, sich diesem Mann annähern? Seinen monströsen Taten?

Jetzt will sie verstehen. Und endlich wissen, was das mit ihr macht. Wo hat sie womöglich Haltungen übernommen. Ist sie selbst womöglich eine Rassistin? Sie scannt sich. Sie sucht Kontakte zu Leuten, die NS-Geschichte bearbeiten. Fragt erst behutsam und dann immer mehr. Und steigt hinab in den finsteren Brunnen.

Sie waren in der Familie alle getauft und konfirmiert, Großmutter hatte Wert daraufgelegt. Aber der Großvater hatte die zehn Gebote in erschreckender Beflissenheit ihn ihr Gegenteil verkehrt. Du sollst töten. Rauschhaft und machtvoll sogar. Du sollst stehlen, nimm, was du kriegen kannst. Du sollst begehren deines Nächsten Haus, und wenn du ihn in die Gaskammer geschickt hast, dann ziehst du ein.

Sie hatte nie nachgefragt, warum sie hier wohnen, in so einer feudalen Villa. Dass dieses Haus eine Geschichte gehabt haben muss bis 1938, schwante ihr spät. Eine jüdische Geschichte.

Warum da ein Steinway-Flügel steht, obwohl keiner spielen kann – nun, er sah halt gut aus.

Du sollst den Feiertag nicht heiligen, sollst am Sabbat die Juden jagen und am Sonntag die aufsässigen Christen. Der Teufel hasst die Ruhe, sie könnte womöglich etwas ändern. Die Ruhe – wie sie sich danach sehnte. Dass die Dinge in Ordnung kommen, dass sie wieder schlafen kann, dass alle gesund werden. Sie ist 53 und endlich reif für die Wahrheit. Sie fasst die Teile an und dreht sie um. Eines nach dem anderen. Der Geschichte ins Gesicht sehen. Um endlich der unfassbaren Trauer, die in ihr arbeitete, den Ort geben zu können – an den Gräbern der Opfer.

Es gilt das gesprochene Wort.