Vom Gimpel und den Namen

Wort zum Tage
Vom Gimpel und den Namen
01.07.2021 - 06:20
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Natürlich habe ich ihn noch nie gesehen. Jedenfalls nicht bewusst. Seitdem ich am Rand eines Waldes wohne, schnerrbst und gätzt es, schnipst, quirlt und flötet es um mich herum wie nur irgendwas. Aber mit irgendwas will ich mich nicht zufriedengeben. Ich will wissen, wer mich da jeden Morgen weckt, dass es eine Freude ist. Ich will wissen, wer da jetzt in der Tanne sitz und zwitschert. Schwarzer Kopf, rot von der Kehle bis zum Bauch, stumpfer Schnabel. Ich vergleiche die Bilder: Ein Gimpel. Und natürlich feilt und spottet er, gurrelt und quetscht. Der Gimpel wird auch Dompfaff genannt. Passt, finde ich. In Italien heißt er Zuffolotto, kleine Flöte. Ich finde, wir machen es uns zu einfach, wenn die Vögel nur noch „singen und zwitschern“. Wir hören dann immer nur Dasselbe und überhören die Vielfalt. Wir gehen über die Einzigartigkeiten hinweg und schenken den Unterschieden keine Beachtung mehr. Am Ende sind da nur noch Vögel. Die einen singen, die anderen zwitschern. Vögel halt. Dass die Amsel schirkt, wenn sie schlecht singt, also zu hoch, oder die Waldschnepfe rätscht, wenn sie im Zickzackflug gen Himmel steigt … was soll’s. Unnützes Wissen und bedroht, wie die Arten selbst. Die Sprache in ihrer Vielfalt geht verloren und damit der Kontakt zu Gottes guter Schöpfung in ihrer Vielfalt. Man kann dann nicht mehr benennen, was einen umgibt, hat keine Namen mehr für das, was da in der Tanne schnickert, als würden Kieselsteine aneinandergeschlagen. An allem Anfang sollten wir den Dingen Namen geben, erzählt die Bibel: Wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen. So war das am Anfang. Eine ganze Welt entstand durch Namen! Und jetzt? Am Ende? Es ist nicht das Ende. Noch kann ich neu lernen hinzusehen und hinzuhören. Mit den Ohren suchen und sie dann klappernd und gätzend aus dem Flieder heraushören: die Mönchsgrasmücke. Noch ist Zeit, den langen Blick zu üben, ihn geduldig über den wilden Garten schweifen zu lassen und ihn dort hinten bei den Disteln herauszusehen: den Stieglitz, den Distelfink. Bei der Schöpfung sei die Farbe ausgegangen und Gott habe Farbreste zusammenkratzen müssen, was die rot-weiß-gelb-schwarzen Farbtupfer erklärt; und warum man ihn in Bayern: Zamkratzi nennt. In der Natur Gott auf die Spur kommen und dem guten Anfang, als uns die unendliche Vielfalt anvertraut wurde und wir sie mit Namen nennen durften. Damit möchte ich nicht zu Ende kommen. Ich möchte jeden Morgen ein bisschen mehr hören von Gottes Schöpfung. 

Es gilt das gesprochene Wort.