Wem bin ich die Nächste?

Morgenandacht
Wem bin ich die Nächste?
13.06.2016 - 06:35

An der Tür zum S-Bahnhof sitzt ein alter Mann mit einem steifen Bein. Er ist nicht von hier, das verrät seine dunkelbraune Gesichtsfarbe. Auch seine Kleidung macht den Eindruck, nicht von hier zu sein. Rundlich und runzlig ist der Mann, er wirkt freundlich und doch stört er mich ein bisschen. Denn er will etwas von mir. Er sitzt da als Bettler und ich will am Bahnhof nicht aufgehalten werden. Ich will den Zug kriegen, muss irgendwo hin oder – auf dem Rückweg – jetzt bloß schnell nach Hause. Nur selten lasse ich mich erweichen.

 

Vor dem Bahnhof sind Bushaltestellen. Darum stehen immer viele Menschen um den Bettler herum. So weit ich sehen kann, lassen die sich überhaupt nicht erweichen – und das finde ich dann doch irriterend. Dass wir alle so tun, als sei er gar nicht da.

 

Allerdings, eines Morgens sehe ich, wie eine eher streng blickende Blondine über die Kreuzung läuft und geradewegs auf den Bettler zugeht. Sie lässt ein Scherflein in den Plastikbecher fallen, wechselt ein paar Sätze mit dem alten Mann  und geht dann wieder zurück über die Ampel ihrer Wege, ich vermute, zur Arbeit.

 

Respekt, denke ich, das hätte ich gerade ihr nun gar nicht zugetraut. Dass sie extra einen Umweg macht für den fremden Mann. Offenbar ist das ihr Bettler, sie hat ihn adoptiert. Und so ist sie raus aus der Peinlichkeit: „Der will was von mir!“ Sie hat sich entschieden: „Ich will zu ihm.“ Das gibt ihrer kleinen Spende Würde und dem morgendlichen Weg zur Arbeit etwas Glanz. Sie tappelt nicht nur ihrer Pflicht hinterher. Der kleine Umweg, die kurze Begegnung – das ist auch ein wenig selbst bestimmte Zeit, selbst gewählte Nähe zu einem Menschen, der auf Barmherzigkeit angewiesen ist.

 

Es ist ja wirklich ein großer Unterschied, ob ich denke „Der will was von mir“ und darum gleich auf Abwehr schalte oder ob ich entscheide: „Ich will zu ihm hin“. Von diesem Unterschied spricht Jesus in seinem berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter, einer Geschichte, die vielleicht etwas zu dramatisch ist, um uns noch wirklich zu treffen. Denn wenn da einer auf einsamer Straße unter die Räuber fällt, halbtot am Wegesrand liegt, würde man heutzutage doch wenigstens zum Smartphone greifen und die Polizei benachrichtigen. Aber gesetzt den Fall, man wäre den Anblick gewohnt, es gäbe eben viele Kranke, Arme, irgendwie Gebeutelte an den Straßenrändern – schon möglich, dass man da allmählich einfach dran vorbeisieht. Weil man den Kopf doch voll hat, endlich nach Hause will und schließlich nicht alle retten kann. Jesus jedenfalls vermutet, dass das Vorbeisehen und Vorbeigehen eher normal ist und dass bürgerlich geschäftige Leute das in der Regel so machen.

 

Einen Ausländer lässt Jesus stehen bleiben. Offenbar hat der es nicht so eilig und ist mit seinen Gedanken nicht ganz woanders. Er sieht nicht nur, dass da jemand am Straßenrand liegt, er stellt sich auch vor, wie es diesem Jemand wohl geht. Er lässt sich anrühren vom Schicksal dieses fremden Hilfsbedürftigen und geht zu ihm hin. Seine Entscheidung ist das und die wird ihn eine gewisse Zeit kosten. Es dauert, bis er den Verletzten versorgt hat, aber sicher kommt er ihm dabei auch nah. Sicher gibt es für ihn einen dankbaren Augenaufschlag, ein erlöstes Lächeln – vielleicht auch ein vertrautes Gespräch, wie man es in der Not eben führt. Schließlich reisen die beiden dann ja zusammen weiter bis zum nächsten Wirtshaus. Das ist nicht der vornehmste Ort, aber offenbar der richtige – hier wird man sich um den Verletzten weiter kümmern. Der Helfer, der Samariter, geht wieder seiner Wege, er opfert sich nicht auf.

 

Für Jesus ist es nicht einmal wichtig, ob der Samariter sich nun als ein „guter Mensch“ erwiesen hat und die andern nicht. Um's Gut-Sein geht es ihm nämlich überhaupt nicht.

 

Es geht bloß um die Frage: Wer war denn nun der Nächste für den hilfsbedürftigen Mann?

 

Wer ist ihm nah gekommen? Und das ist natürlich auch eine Frage an die eigene Beweglichkeit: Bin ich in der Lage, jemandem nahe zu kommen? Kann ich in meinen Begegnungen hier und da eine Nächste sein?