Gemeinfrei via Fundus/ Hans Georg-Vorndran
Wenn der andere sich in Schweigen hüllt, kommt man ins Grübeln: Habe ich etwas falsch gemacht? Und wenn ja, was? Worte können erlösen.
Sprich nur ein Wort!
Die heilende Kraft der Worte
11.02.2026 06:35

Wenn der andere sich in Schweigen hüllt, kommt man ins Grübeln: Habe ich etwas falsch gemacht? Und wenn ja, was? Worte können erlösen.

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Sprich nur ein Wort! Melde dich doch, sag was!

Von meinem besten Freund habe ich schon monatelang nichts gehört. Ich fange an zu denken, dass ich ihn vielleicht verärgert habe. War da was Komisches beim letzten Mal?

Sprich nur ein Wort! Melde dich! Das wünsche ich mir, wenn es in der Kommunikation irgendwie scheps war. Wenn ich nicht weiß, ob mir der andere gram ist.

"Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Dieser Satz stammt aus der katholischen Liturgie und er berührt mich Protestantin. In ihm steckt die Weisheit von der erlösenden Kraft der Worte. Worte können helfen, verbinden und heilen. Worte können die Seele gesund machen.

Im Original stammt der Satz aus der Bibel und lautet etwas anders: "Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund!" (Matthäus 8,8) Ein römischer Hauptmann bittet Jesus, seinen Knecht zu heilen. Das Vertrauen dieses Hauptmanns ist so groß, dass er findet, Jesus müsse nicht mal zu ihm nach Hause kommen, um den Diener zu heilen: Allein ein Wort von Jesus wird ausreichen.

Der Hauptmann will keinen Zauberspruch, kein Rezept und ich denke, auch keinen Befehl, so wie er es aus seinem Beruf gewohnt ist. Davon will er weg, er will hin zu einer tieferen Ebene der Verständigung. Er sucht nach Worten, die den Menschen sehen und das Herz erreichen. "Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund." Dieser Hauptmann sucht die offene Begegnung von Mensch zu Mensch, die gewaltfreie Kommunikation.

So ein Mensch spricht nicht aus seiner Rolle heraus – als Vorgesetzter, als Mutter oder Pfarrerin oder Politiker; so ein Mensch versteckt sich nicht hinter Funktionen und Aufgaben. Wenn einer oder eine so redet, dann will er oder sie das Innere eines anderen Menschen erreichen, und es begegnen sich zwei Menschen von Herz zu Herz. Wenn das geschieht, wenn sich ein Miteinander entwickelt, dann ist es, als wenn der Himmel sich für einen Moment öffnet. Dann ist für einen Augenblick der Segen einer himmlischen Erfahrung da. Ein durch und durch menschlicher Moment!

Worte können helfen. Worte können heilen. Wenn ich nicht gleich mit Anforderungen, guten Ratschlägen oder Unverständnis überschüttet werde, sondern der oder die andere sich meinen Kummer anhört und ernst nimmt, gar nicht viel sagt, nur ein Wort, das aber genau das richtige ist, dann ist mir schon geholfen. Dann geht’s mir besser, weil ich mich gehört und gesehen fühle. Worte können heilen.

Und Worte können verstören und verletzen. In derselben Erzählung sagt Jesus: "Die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern." AUA! Damit sind ja wohl die gemeint, die zum engsten Kreis gehören, die sich schon so nah dran fühlen, die meinen, bei den Guten zu sein ...

Dieser Ausdruck "Heulen und Zähneklappern" ist ein Lieblingswort des biblischen Autors Matthäus, er verwendet es oft in seinem Evangelium. "Heulen und Zähneklappern!" Ein sehr bildlicher Ausdruck, das kann ich mir gleich vorstellen: Enttäuschung, Angst, Wut – all das steckt da drin. Für mich ist das kein Bild für die Hölle, denn die gibt es nicht. Es ist ein Bild für Trennung, Entfremdung, Unmenschlichkeit, Sprachlosigkeit. Wenn ich kein Wort mehr rausbringe, nur noch heulen kann und mit den Zähnen klappern.

Wenn keiner mir sagt "Du gehörst dazu!" und keine mir sagt "Geh a weng her, lass dich drücken" und niemand kommt und sagt "Ich versteh dich!", dann kriege ich das Heulen und Zähneklappern.

Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Ich vertraue weiter auf die heilende Kraft der Worte. Ich möchte das für meine Worte, die ich anderen sage. Und ich wünsche mir für meine Seele Worte, die ihr guttun.

Es gilt das gesprochene Wort.

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