Kann eine Religion für sich allein die Wahrheit beanspruchen? Unser Autor erinnert an Lessings Ringparabel und fragt: Was zählt mehr – der richtige Glaube oder das richtige Handeln?
Sendetext:
Manchmal erzählt ein Theaterstück mehr über die Welt als lange wissenschaftliche Abhandlungen. An einem 14. April wie heute, im Jahr 1783 wurde in Berlin ein Stück uraufgeführt, das bis heute weiterfragt. Gotthold Ephraim Lessing brachte sein Drama "Nathan der Weise" auf die Bühne. Im Zentrum steht eine kluge Geschichte. Der jüdische Kaufmann Nathan wird vom muslimischen Herrscher Saladin gefragt: Welche Religion ist die wahre?
Nathan antwortet nicht mit Argumenten. Nathan erzählt. Von einem Vater, der einen kostbaren Ring besitzt. Dieser Ring hat eine besondere Kraft: Er macht seinen Träger vor Gott und den Menschen liebenswert.
Der Ring wird weitergegeben von Generation zu Generation. Bis ein Vater drei Söhne hat. Und alle drei liebt er gleich. Wem soll er den Ring vererben?
In seiner Verzweiflung lässt er zwei weitere Ringe anfertigen. Sie sehen aus wie das Original, so dass der Vater sie selbst nicht unterscheiden kann. Jedem Sohn gibt er einen Ring. Der Vater stirbt, und seine Söhne streiten, wer den echten hat. Ein Richter soll entscheiden und sagt: Zeigt die Kraft eures Ringes. "Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach!" Lebt so, dass man eure Güte sieht. Dann wird sich vielleicht zeigen, welcher Ring der wahre ist.
Eine Parabel auf den Wettstreit der drei Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Gotthold Ephraim Lessing führt vor Augen: Keine Religion kann für sich beanspruchen, die einzige Wahrheit zu besitzen. Aber jede Religion kann so leben, dass sie Gottes Liebe sichtbar macht.
Auch heute sprechen Menschen im Namen Gottes, als gehörte er ihnen. Politiker berufen sich auf Religion, um Macht zu festigen, Grenzen zu ziehen, Feindbilder zu pflegen.
Donald Trump inszeniert sich gern als Verteidiger eines "christlichen Amerika". Wladimir Putin verbindet Politik mit religiösem Pathos, als stünde Gott auf der Seite seines Krieges. Und das iranische System, geprägt von Ayatollah Khomeini, hat Religion zur Staatsideologie gemacht. Immer wieder derselbe Anspruch: Wir haben den richtigen Ring. Ihr Verhalten lässt nicht darauf schließen, dass sie über die Wunderkraft verfügen, "beliebt zu machen; vor Gott und Menschen angenehm".
Wahrer Glaube zeigt sich nicht in lauten Bekenntnissen, sondern in tätiger Liebe. Nicht wer recht hat, zählt. Sondern wer liebt. Toleranz ist keine Gleichgültigkeit. Sie bedeutet nicht: Alles ist egal. Sie bedeutet: Ich nehme den anderen ernst. In seiner Würde. In seinem Glauben. In seinem Menschsein.
Wir sollten aufhören zu fragen: Wer hat den richtigen Ring? Sondern: Wie gehen wir miteinander um?
Denn Gott lässt sich nicht besitzen. Nicht von Religionen. Nicht von Staaten. Nicht von Politikern. Aber seine Liebe will gelebt werden.
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!