Aufhören zu denken

Morgenandacht
Aufhören zu denken
29.11.2016 - 06:35

„Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört zu denken!“ Dieser imposante Satz stammt leider nicht von mir. Bei uns im Hinterhaus lebt und arbeitet ein Maler und der hat ihn gesagt. „Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört zu denken!“ Der Satz an sich ist schon beeindruckend. Wenn man meinen Maler kennt, dann wird er gleich noch eindrucksvoller, denn er liebt es zu reden und auszulegen und zu fabulieren. Einer seiner zentralsten Sätze, mit denen er einen noch tiefer in die Unterhaltung, respektive seinen Monolog, zieht, heißt: „Ich fang jetzt an zu philosophieren...“

 

Der imposante Satz aber ist gefallen, als er mir seine Aquarelle gezeigt hat. Mächtige Stapel von ihnen türmen sich in dem kleinen dunklen Atelier, an den Wänden stehen viele viele großformatige Ölgemälde, die er gerne mit einem kicherigen Lachen kommentiert: „Ich male für die Nachwelt!“ Wir stehen um seinen quadratischen Tisch, er zieht ein Aquarell nach dem andern hervor, erklärt Motive, zeigt Veränderungen, will offensichtlich etwas deutlich machen. Ich bin hineingezogen, schaue unermüdlich Blatt für Blatt an und mitten in unsere Betrachtungen hinein fällt der Satz: „Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört zu denken!“ Wir lachen herzhaft. Die schiere Vorstellung, seit zwölf Jahren nicht mehr zu denken. Wie apart! Kein Gedanke mehr an ermüdende Termine und kein Gedenken mehr der eigenen Unvollkommenheit. Jetzt fängt mein Maler an zu erklären: Wer kreativ sein will, der darf nicht denken. Da muss es frisch drauflosgehen, gerade bei den Aquarellen, da muss man schnell sein, da darf man nicht sinnieren. Die Farben drauf, nur keine Angst ... jetzt kommt die Tusche, dann nimmt es Gestalt an: Ein Haus am grünen Himmel. Schweine und Katzen auf violetten Pfaden.

 

Das kann nur entstehen, wenn man aufhört zu denken. Wenn man sich hingibt und nicht grübelt, was man vielleicht falsch machen könnte. Sich einfach lotsen lässt von – ja, von wem eigentlich? Dem Gefühl? Dem Flow? Dem schöpferischen Chaos? Christlich gesprochen wäre das vielleicht der Heilige Geist. Die Luft, der Odem, die Inspiration. Lebensnotwendig, aber man kann nicht darüber verfügen. Wenn ich überlege, wie oft ich im Alltag und in der Arbeit ein Männlein in meinem Kopf sitzen habe, das mir mit bestimmter Stimme einflüstert: „Das kannst du so nicht machen! Mach’s so, wie’s schon immer war. Sonst gibt’s bestimmt Ärger!“ Und dann fange ich an zu denken und zu denken und nachzudenken, das Männlein in meinem Kopf reibt sich die Hände, denn jetzt kommt noch eine gewisse Portion Angst dazu: Irgendjemand könnte sich aufregen, weil etwas anders ist. Irgendjemand könnte irritiert sein. Irgendjemand könnte mich nicht mehr mögen... Wenn es so anfängt, fange ich gar nichts an und die ganze schöne Idee schnurrt zusammen wie ein Ballon, dem die Luft ausgeht.

 

Ein uraltes Wort hilft mir weiter: Odem – wie schön da schon die Luft durch den Mund strömt. Odem. Das ist die Lebensenergie, die dem Menschen von Gott eingehaucht wird. Ohne Odem kein Leben. So fängt alles an, ganz am Anfang, als die Welt noch ein weißes Blatt war, das kreativ bearbeitet werden soll. Mit Liebe und Respekt. Der Odem ist uns Menschen eingehaucht, den haben wir, die Lebensenergie gehört zu mir wie meine Augenfarbe. Fehlt nur noch das Vertrauen auf den Geist, der weht wo und wann er will. Ich kann ihn nicht zwingen, aber ich kann Platz für ihn machen. Hausverbot dem ollen Männchen im Kopf, ein Ende dem alten Affen Angst, Schluss mit der Denkerei! Der Geist soll hereinwehen, soll sich verströmen in die hintersten Winkel meines Herzens und meines Hirns. Hinfort mit der Bequemlichkeit und der Angst. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ steht in der Bibel. (2.Kor 3,17). Frei sollen wir leben und arbeiten und lieben. Die Farben drauf, nur keine Angst. Es wird etwas werden. Es wird etwas ganz Eigenes werden. Ich denke, ich höre heute auf zu denken.