Beschneidung Jesu

Morgenandacht

Gemeinfrei via unsplash/ Kyle Sanguin

Beschneidung Jesu
03.01.2022 - 06:35
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Es gehört zum jährlichen Konfirmandenkurs dazu: Mit den Jugendlichen besuchen wir die schöne Ohel-Jakov-Synagoge in der Münchner Innenstadt. Und lassen uns erklären: Den Schrein, in dem die Schriftrollen der Tora aufbewahrt werden. Die siebenarmigen Leuchter, den Davidstern in der Glaskuppel, die hebräischen Schriftzeichen. Jedes Mal lerne ich wieder etwas Neues über den jüdischen Glauben.

In meiner Konfirmandenzeit gab es keine Exkursion in die Synagoge. Man hat vom Judentum ein bisschen was aus den Schulbüchern erfahren. Wirklich viel war das nicht. Erst über mein Theologiestudium ist mir das Judentum nähergekommen. Und ich habe zunehmend mehr verstanden: Das Christentum lebt vom Judentum, wie ein großer Zweig von einem alten Baumstamm. Ich kann meinen christlichen Glauben gar nicht verstehen, wenn ich mich nicht auch mit dem Judentum beschäftige.

Am ersten Tag des Jahres steht im Kalender der evangelischen und auch anderer Kirchen: Tag der Beschneidung und Namensgebung Jesu. Acht Tage nach seiner Geburt wird Jesus beschnitten. Das erzählt der Evangelist Lukas direkt im Anschluss an die Weihnachtsgeschichte. Der Säugling Jesus wird durch dieses Ritual der Beschneidung offiziell ein Jude.

Im Mittelalter gab es unterschiedliche Zeitrechnungen. Der Brauch, ein neues Jahr mit dem ersten Januar zu beginnen, wurde Zirkumzisionsstil genannt, vom lateinischen Wort für Beschneidung, circumcisio.

Man kann über das Ritual und den Sinn der Beschneidung diskutieren und unterschiedlicher Meinung sein. Der Evangelist Lukas erzählt davon, um zu betonen: Jesus ist Jude, ein Sohn des Judentums und seiner Traditionen. Er ist ganz und gar Sohn des Volkes Israel.

Da fragt man sich schon: Wie konnte es sein, dass ausgerechnet die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu so viel Hass und Gewalt gegen das Judentum entwickelt haben? Erst nach und nach habe ich begriffen: Antijudaismus beginnt schon in den Schriften des Neuen Testaments. Man muss die Texte daher auch historisch lesen, mit dem Wissen um die Auseinandersetzungen zwischen den ersten Jesusgemeinden und den jüdischen Gemeinden. Sie hatten einen scharfen Ton; man hat nicht mehr gesehen, dass man sich derselben Herkunft verdankt. Und dass aus diesem scharfen Ton Bibel geworden ist, christliche Bibeltexte mit negativen Urteilen über das Judentum, gehört leider auch zur Geschichte des Christentums dazu.

 Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern: Jesus ist Jude. Und ich kann nicht Christ sein, kann nicht meine Lebenshoffnung in Jesus sehen, wenn ich ausblende, dass Jesus ein Jude ist.

Als Christ geht es mir zu Herzen, wenn die jüdischen Glaubensgeschwister Jesu auch heute noch bedroht werden. Wenn Synagogen von der Polizei bewacht werden müssen. Oder wenn ein jüdischer Friedhof geschlossen bleibt aus Angst vor Vandalismus. Christ sein heißt für mich: Ich bin solidarisch mit Jüdinnen und Juden, weil Jesus ein Jude war und bleibt.

Vor kurzem ist eine neue Bibelausgabe erschienen: Das Neue Testament, die Lutherübersetzung, jüdisch erklärt. Jedes Buch des Neuen Testamentes wird darin aus jüdischer Perspektive erläutert. Infoboxen erweitern und vertiefen mein Wissen über das Judentum zur Zeit Jesu. Manches wusste ich schon, vieles lerne ich neu.

Für das neue Jahr nehme ich mir vor: Ich lese jeden Bibeltext auch im Buch „Das Neue Testament jüdisch erklärt“. Denn ich merke: Die Texte der Bibel sprechen noch einmal ganz neu und anders zu mir. Ich begegne Jesus und Paulus neu durch die Brille von Jüdinnen und Juden.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.