Im Kopf nicht mehr zuhause

Morgenandacht

Alice / Unsplash

Im Kopf nicht mehr zuhause
14.10.2021 - 06:35
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Die Sendung zum Nachlesen: 

Die Hand zittert ein bisschen, die Dame guckt mich verunsichert an: „Womit soll ich denn unterschreiben?“ Mich durchzuckt der Gedanke: Sie weiß ihren Namen nicht mehr.

 

Ich bin zu Gast in einer Wohngemeinschaft für dementiell Erkrankte. Und es geht um eine schlichte medizinische Verordnung. Die muss unterschrieben werden. Was aber passiert, wenn Du nicht mehr sicher bist, wie Du heißt? Ich bin nur ein verunsicherter Gast, aber die Pflegerin rettet die Situation. Sie spricht die Dame ganz selbstverständlich an. Sagt ganz selbstverständlich ihren Namen. Unterschreibt mit ihr. Berührt sie. Nimmt sie bei der Hand. Macht Shantys in der Musikbox an und tanzt mit ihr. Sie lässt sie spüren, dass SIE Ihren Namen weiß.

 

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein“. (Jes. 43,1) Diesen Vers zitieren wir in der Kirche oft bei Taufen oder auch bei Trauerfeiern. Denn Christinnen und Christen glauben und hoffen, dass Gott uns genau kennt, unseren Namen und auch unsere Gedanken – das, was uns ausmacht. Und dass er uns begleitet und uns am Ende unseres Lebens mit unserem Namen aufnimmt.

 

Mitten in der Wohngemeinschaft für dementiell Erkrankte muss ich an diesen Vers denken. Aber so leicht ist es nicht. Heute nicht. Was tröstet diese erkrankte Frau, wenn sie ihren Namen nicht mehr weiß oder sich nicht mehr selbst im Spiegel erkennt? Sie ist verzweifelt und kommt aus dem Takt. Ein biblischer Satz ist da sehr weit weg. Aber wenn jemand Ihren Namen weiß und sie würdigt, dann kann sie sich einen Moment lang wieder als die Persönlichkeit spüren, die sie ist. Mit ihrer Geschichte. Wenn jemand sie intensiv anguckt und ihr das Gefühl gibt, wie schön und wertvoll sie ist. Wenn jemand in ihr den Glanz Gottes auf der Erde sieht, dann kann auch sie glänzen. Wenn jemand mit ihr tanzt und sie andocken kann und nicht mehr verloren und einsam ist mit ihren Gedanken, deren Fäden nicht mehr zusammen passen wollen, dann kann sie für einen Moment ihre Furcht verlieren und sich geborgen fühlen.

 

Und mitten in der Wohngemeinschaft denke ich: Das kann ich von dementiell Erkrankten lernen, die sich oft nicht mehr bei sich selbst zuhause fühlen. Nämlich: wie wichtig für uns die Anderen sind, die uns das Gefühl geben, verstanden und gebraucht zu sein. Die uns berühren. Und an die wir andocken können, um zuhause zu sein. Dementiell Erkrankte verlieren dieses Gefühl, sicher und geborgen zu sein, immerzu. Am Anfang der Erkrankung nur manchmal: Mitten auf den Straßen, die sie immer gegangen sind, finden sie plötzlich nicht mehr nach Hause zurück. Auf einmal vergessen sie, wo etwas liegt oder wann sie sich verabredet haben. Später, im Wohnprojekt, finden Sie vielleicht nicht mehr ihr eigenes Zimmer und empfinden die vertraute Pflegerin jeden Tag als eine Person, die sie zum allerersten Mal sehen. Aber hier wissen die anderen um sie herum, wo sie wohnen und wie sie heißen. Was sie brauchen und welches Ritual ihnen hilft.

 

Ein paar Wochen später komme ich noch mal in das Wohnprojekt für dementiell Erkrankte. Die Stimmung heute ist gut. Die Bewohnerinnen und Bewohner tauschen sich gerade darüber aus, wohin sie gerne verreisen. Es klingt so, als seien die Koffer bei einigen schon gepackt. Es geht auf den Abend zu. Man könnte meinen, mindestens drei Bewohnerinnen fliegen morgen früh nach Mallorca. Als ich mich verabschieden will, nimmt die Pflegerin mich beiseite und erzählt. Die alte Dame sei jetzt nachts immer sehr unruhig. Aber seit gestern wisse sie, warum. Als die Dame noch mal aus dem Zimmer kam, sagte sie: Ich kann nicht schlafen ohne meinen Gutenachtkuss. Natürlich hat sie diesen bekommen.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein“. (Jes. 43,1) Biblische Verse müssen mit Leben gefüllt werden. Dann ergeben sie Sinn.

Es gilt das gesprochene Wort.