Beten lernen

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Samantha Sophia

Beten lernen
mit Pfarrer Florian Ihsen
16.05.2022 - 06:20
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Erste Klasse Grundschule, kurz vor den Ferien.

Wir evangelischen Kinder sind brav beim Schulgottesdienst. Und am Ende wird ein Gebet gesprochen, das Vaterunser. „Liebe Kinder, alle sollen mitbeten, das haben wir ja schon gelernt, sagt Frau Ernst, unsere Reli-Lehrerin. Wir Kinder schauen uns neugierig und verlegen um, einige kichern, ein paar der größeren Mädchen rollen die Augen. Wer hat‘s denn wirklich gelernt? Wer spricht es mit? Wer tut nur so?

Das ist bald 40 Jahre her. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich selbst das Vaterunser damals schon konnte. Und ob ich auch den Mut hatte, mitzubeten.

Später als Pfarrer und Reli-Lehrer habe ich den Kindern das Beten beigebracht: So hältst du die Hände. Diesen Text sollst du sprechen und auswendig können.

Das Vaterunser gilt in den Lehrplänen als Grundwissen. Bis heute. Man soll es jederzeit können. Und deshalb den Text auswendig lernen. Wenn ich am Gymnasium eine Arbeit schreibe, müssen die Schülerinnen und Schüler den Text können.  Wissen, dass nach „Vater unser im Himmel“ kommt: „Geheiligt werde dein Name“. Und so weiter. Und wenn sie das nicht können, muss ich das als Fehler bewerten, und dann gibt’s auch eine schlechtere Note.

Manchmal beschleicht mich dabei ein ganz komisches Gefühl.

Geht das, eine Note geben für das Vaterunser, für ein Gebet also? Beten ist doch etwas Persönliches, oft etwas ganz Intimes. Beten heißt doch: Gott und mein eigenes Leben zusammenbringen, durchlässig werden für Gott, für seinen Geist. . Und dann kommt jemand daher und sagt: „Du musst dieses Gebet auswendig können. Und wenn nicht, gibt’s Punktabzug.“

Ich lese in den vier Evangelien: Es gibt nicht den einen immergleichen Wortlaut beim Vaterunser. Der eine Evangelist, Matthäus, hat eine längere Fassung und Lukas, eine kürzere. Und die zwei anderen, Markus und Johannes, überliefern das Vaterunser überhaupt nicht. Doch alle vier verbindet die Einsicht von Jesus: Man kann das Beten lernen und üben. Lehre uns beten, bitten ihn die Jünger. Und Jesus sagt: Wenn ihr beten wollt, macht es am besten so wie ich.

So persönlich Beten auch ist - es braucht eine Sprache und eine Form, man lernt sie kennen und übt sie ein. Da helfen mir das Vaterunser und andere geprägte Gebetstexte. Ich habe gemerkt: Je öfter ich ein Gebet spreche, umso mehr prägt es sich meinem Denken und Fühlen ein, umso mehr formt es mich. Es betet es mich sozusagen, macht mich durchlässig für Gott, für seinen Geist.

Es gilt das gesprochene Wort.