Vom ersten Schrei an brauchen wir andere Menschen. Die Wechselfälle des Lebens sind kaum auszuhalten, wenn mir nicht andere zur Seite stehen. Vom ersten Schrei an brauchen wir andere Menschen. Die Wechselfälle des Lebens sind kaum auszuhalten, wenn mir nicht andere zur Seite stehen.
Sendetext:
Wie geht gutes Leben? Zum Beispiel mit Barmherzigkeit. Schon am Anfang des Lebens sind wir Menschen abhängig davon, dass andere barmherzig mit uns sind. Der schreiende Säugling braucht die Aufmerksamkeit von Mutter und Vater, die liebevolle Zuwendung von Menschen, die ihm geben, was er zum Leben braucht.
Und so geht es weiter. In jeder Entwicklungsstufe des Lebens benötigt der Mensch andere Menschen, die ihr Herz nicht verhärten, sondern barmherzig sind. Ob es um eine Wunde am Knie geht oder Liebeskummer, eine verpatzte Prüfung oder das Ende einer Freundschaft – ohne Barmherzigkeit ist das kaum auszuhalten. Auch Kleinigkeiten sind entscheidend. Wenn mir meine Enkelin ein Bild zeigen möchte, das sie gemalt hat, dann braucht sie meine ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Wie geht gutes Leben? Auf seinem letzten Lebensweg, vor der Kreuzigung in Jerusalem, wird Jesus dazu öfter gefragt. Jesus wählt als Antwort Geschichten. In einer geht es um Barmherzigkeit, und sie ist zu einer der bekanntesten Geschichten geworden: Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
Jesus erzählt: Ein Mensch wird von Verbrechern ausgeraubt und lebensgefährlich verletzt. In der Folge gehen Passanten einfach an dem Verletzten vorbei. Einzig ein Mann aus einer nicht gerade befreundeten Volksgruppe, ein Mann aus Samaria, leistet erste Hilfe und sorgt dafür, dass der Kranke bis zur vollständigen Genesung gepflegt wird. Er bringt ihn zu einer Herberge, wo er versorgt werden kann.
Wie geht gutes Leben? Interessanterweise ist Barmherzigkeit keine eindimensionale Angelegenheit. Wer barmherzig ist, gewinnt auch für sich Lebenssinn. Denn es ist nicht wenig, wenn ich dazu beitragen kann, dass es einem anderen Menschen besser geht. Das, was seinen Schmerz lindert, wenn ich ihm Aufmerksamkeit schenke, das tut auch mir gut.
Der barmherzige Samariter ist nach seiner Hilfsaktion ganz sicher nicht missmutig weitergezogen, obwohl ihn die Versorgung des Verletzten Zeit und Geld gekostet hat. Ich war jahrzehntelang in der Notfallseelsorge aktiv und weiß darum, dass ich nach einem Einsatz, bei aller mitfühlenden Trauer, auch glücklich und zufrieden war, etwas Licht ins Dunkel bringen zu können. Notfallseelsorge ist anstrengend, fordert Zeit und Kraft. Doch im Anschluss spüre ich: Das, was ich tun kann, hat Sinn. Und das schenkt meinem Leben Bedeutung.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt auch: Man muss sich in Barmherzigkeit nicht erschöpfen. Die Herberge, in der der Verletzte gepflegt wird, ist sozusagen die Diakonie der damaligen Zeit. Es ist wichtig, Hilfe zu organisieren. Als Einzelner ist man sonst leicht überfordert.
Im Blick auf den Pflegenotstand in Deutschland gibt das Gleichnis ebenfalls Hinweise: Der Samariter bezahlt den Wirt, damit der den Verletzten pflegen kann. Es ist wichtig, die Pflegenden angemessen zu entlohnen. Und zwar so, dass Hilfe auch gern geleistet wird.
Was hilft zu einem guten Leben? Jesus sagt: Barmherzigkeit! Sie ist eine Haltung, die allen wohltut und die sich auch gesellschaftlich auswirkt. Dank der Barmherzigkeit unzähliger Menschen ist unsere Gesellschaft lebenswert und sozial. Manchmal ist es wichtig, Präsidenten daran zu erinnern: Herr Präsident, seien Sie barmherzig.
Und Jesus? Als er sein Gleichnis erzählt hat, war er auf dem Weg nach Jerusalem. Dort wurde er wenig später unbarmherzig gekreuzigt. Seine Haltung der Barmherzigkeit hat er sich noch im Sterben bewahrt. Das Lukasevangelium erzählt: Einer, der mit ihm gekreuzigt wird, bittet ihn: Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Und Jesus ist barmherzig: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Wie geht gutes Leben? Vielleicht sogar: Wie geht gutes Sterben? Mit Barmherzigkeit.
Es gilt das gesprochene Wort.
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