Mutter und Sohn

Morgenandacht

Gemeinfrei via pixabay/ shanghaistoneman

Mutter und Sohn
08.01.2022 - 06:35
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„Mama, ich bin schwul“, heißt das Buch von Riccardo und Anna Simonetti. Auf dem Buchcover tragen beide lange offene Haare, Hemd und Bluejeans. An ihrem herzlichen Lachen sehe ich die Ähnlichkeit von Mutter und Sohn. Sie haben ein inniges Verhältnis zueinander. Anna und Riccardo erzählen, wie sie Riccardos Entwicklung bis heute erlebt haben. Riccardo ist heute Entertainer, Moderator und Sonderbotschafter des EU-Parlaments für LGBT-Menschen.

Wie ist es, wenn man anders ist als sich die Eltern das vorstellen? Ich lese Riccardos Geschichte und merke: Anders zu sein als die Mehrheit ist bis heute ein harter Weg für Jugendliche: mit Mobbing, Phasen tiefer Traurigkeit, Selbstzweifeln und Verzweiflung bis hin zu Selbstmordgedanken. Man fühlt sich nicht richtig im eigenen Leben.

Riccardos Entwicklung hat Anna, seine Mutter, auch ziemlich herausgefordert.   Mir gefällt, wie ehrlich Mutter und Sohn miteinander sprechen. Anna hat ihr Bestes gegeben. Manchmal war das vielleicht nicht ganz das Richtige – so sieht sie es heute. Manchmal hat sie etwas übersehen. Manchmal war sie zu ängstlich. Und manchmal blieb sie zu sehr in Vorstellungen hängen, die gar nicht ihre eigenen waren.

Was mir an Anna gefällt: Ihre Offenheit, mit der sie über ihre Grenzen als Mutter spricht. Kinder lernen von ihrer Mutter. Aber auch eine Mutter lernt von ihren Kindern. Anna und Riccardo sprechen in ihrem Buch auch über Fehler, die Anna als Mutter gemacht hat. Und der Liebe zwischen beiden tut das keinen Abbruch. Ich finde, das sind sehr kostbare Momente, wenn Eltern und Kinder offen und verständnisvoll über Dinge sprechen, die nicht gut gelaufen sind. Wenn eine Mutter oder ein Vater vor ihrem Kind auch eingestehen können: „Das hat mich überfordert. Tut mir leid. Heute würde ich das anders machen.“ Keine Eltern sind perfekt und fehlerlos.

Als Mutter wie als Vater macht man Fehler – ohne das zu wollen. Und manchmal auch mit langen Auswirkungen im Leben der Kinder. Väter sind Menschen. Mütter sind Menschen. Kinder auch. Und Menschen machen Fehler und können oft gar nicht anders.

Die Bibel spricht von Gott auch als Mutter. Als sich die Menschen fragen: „Hat Gott uns verlassen oder vergessen?“ hören sie: Kann eine Frau ihr Kind vergessen? Selbst wenn sie es könnte: Ich, Gott, vergesse dich nicht. (nach Jes 49,15)

Gott als Mutter – für mich ist das wohltuendes Gottesbild. Weiblich, warm, nährend. Es erinnert mich an meine Mutter und die mütterlichen Menschen in meinem Leben. Ich brauche dieses Gottesbild. Gott ist Vater, Herr, Freund Geist, und auch Mutter, Liebende.

„Selbst wenn eine Mutter ihr Kind vergisst, ihm schadet, ich, Gott, vergesse Dich nicht.“

In diesem „selbst wenn“ höre ich aber auch die Grenzen eines elterlichen Gottesbildes: Mütter – und Väter – sind Menschen und dürfen das auch sein. Menschen machen Fehler. Das Bild von Gott als Mutter oder Vater kommt dort an seine Grenzen, wo ein Kind Schaden nimmt durch seine Eltern.

Wer einen schwierigen, abwesenden oder gewalttätigen Vater hatte, tut sich schwer Gott Vater zu nennen. Wer eine depressive oder kalte oder übergriffige Mutter hatte, tut sich schwer Gott Mutter zu nennen. 

Es gibt nicht nur das eine Bild von Gott. Den einen Begriff. So viele Bilder und Wege können zu Gott hin oder von Gott weg führen. Gott ist größer, Gottes Liebe ist umfassender als eine Mutter oder ein Vater je können.

Weihnachten sagt mir: Gott wird Kind. Und Gott fordert mich mit seinem Anders-Sein heraus, wie Kinder ihre Mütter und Väter herausfordern. Habe ich den Mut, zu diesem Kind zu stehen?

 

Es gilt das gesprochene Wort.