Kreuz tragen mit Contenance

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Kate Townsend

Kreuz tragen mit Contenance
mit Ulrike Greim
04.11.2021 - 06:20
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Gelegentlich fragt man sich, wie manche Leute es durch das Leben schaffen.

Der alte Hotelier zum Beispiel, der heute Abend auch selbst kellnert. Ganz behutsam sammelt er das Geschirr auf das Tablett und trägt es mit viel Contenance in die Küche. Es dauert alles ein bisschen. Bestellen, Essen bekommen, Nachbestellen, beim Bezahlen am längsten. Wie alt wird er sein? Weit im Rentenalter auf jeden Fall. Ein bisschen so, wie der Butler James bei „Dinner for one“. Man hofft, dass er es schafft. Und er schafft es. Ist dabei ausnehmend höflich und freundlich. Die alte Schule eben.

Erkundigt sich, hat immer Zeit für ein Schwätzchen. Fast scheint es, als sei das mehr noch sein Anliegen, als Essen zu verkaufen und Hotelzimmer zu vermieten: Gäste kennenlernen und ein aufmerksamer Gastgeber sein.

So kommen wir ins Gespräch.

Wir kämen doch aus dem Osten. Ja, sage ich. Er komme auch ursprünglich aus dem Osten. Seine Mutter sei im Krieg nach Berlin beordert worden. Etwas Kriegswichtiges. Er musste nach Potsdam in ein Kinderheim im zarten Alter von zehn Monaten. Aufwachsen nahe Sanssouci hört sich gut an, aber eben ohne Familie. Zum Kriegsende wird seine Mutter vor den heranrückenden Russen mit vielen Anderen in Sicherheit gebracht, offensichtlich war sie weitergehend involviert. Er sieht sie erst wieder im Alter von zehn Jahren. Zehn Jahre ohne Familie, obwohl er eine hat.

Er kommt nach Hamburg. Wird Ingenieur. Später zieht er nach Niedersachsen, um mit seiner Frau deren Mutter zu pflegen. Das macht man so. Ist doch Familie. Da steht natürlich das Eigene zurück.

Dann übernehmen sie dort ein Hotel.

Jetzt ist er weit über 70. Managt immer noch Hotel und Restaurant, zusammen mit seiner vermutlich nahezu gleichalten Frau. Alles ein bisschen vintage hier. Aber eben auch alte Schule.

Den Sanierungsstau lächeln sie weg. Pflegen den alten Bestand sorgfältig.

Bewirtschaften die Zimmer, bedienen auf der Terrasse die Kurgäste.

Zu tun, was man kann – das ist die hohe Schule. Sein Kreuz tragen – mit Contenance. Ein bisschen beneide ich ihn. Seine aufrechte Haltung, seinen feinen Humor. Wie er mit der Kreditkarte kämpft und all dem digitalen Zeugs, mit dem er sich nicht mehr anfreunden möchte. Und ich denke: Muss er ja auch nicht. Obwohl: Bar hätte ich es nicht gehabt.

Seinen Weg gehen, fröhlich und aufmerksam – das ist viel. Wer das erreichen kann – Chapeau! Trage dein Kreuz fröhlich, höre ich die alte Ermahnung, die ich noch nie leiden konnte. Bei ihm sehe ich, wieviel Kraft das hat. Das ist fragil, das ist nichts, was nach Zukunft ruft. Aber es hat Grandezza.

 

Es gilt das gesprochene Wort.